Campus macht privaten Firmen Konkurrenz

16.8.2012 |

Energieberater-Branche leidet unter staatlich subventioniertem Hochschul-Angebot - „Wettbewerbsverzerrung“

Die Energiewende ist eine große Herausforderung für die Kommunen: Wie effizient ist die Versorgung mit Wärme und Strom in den öffentlichen Liegenschaften? Wo muss gespart werden? Wieviel regenerative Energie kann in einem Gemeindegebiet erzeugt werden?

Antworten auf diese Fragen sollen so genannte Energieberater für die Gemeinden beantworten - doch dass bei der Auftragsvergabe der Technologie Campus Freyung, der seit einigen Monaten als direkter Wettbewerber für Beratungsbüros auftritt, immer öfter den Zuschlag bekommt, stößt der privaten Konkurrenz sauer auf.

MdL sieht Klärungsbedarf

Ein Beispiel: Der Verein „Ilzer Land“ mit den Mitgliedsgemeinden Hutthurm, Röhrnbach, Fürsteneck, Perlesreut, Ringelai, Grafenau, Schönberg, Saldenburg und Thurmansbang hat unlängst das Erstellen eines Energie-Nutzungsplans an die Außenstelle der Hochschule Deggendorf vergeben - mit einem Volumen von rund 47 000 Euro. Aus der Privatwirtschaft gab es dem Vernehmen nach zwei Mitbewerber, die allerdings nicht aus der Region stammen. Im Nachbarlandkreis Passau entzündete sich unlängst im Rudertinger Gemeinderat eine Diskussion beim Tagesordnungspunkt „Energiemanager für die ILE Passauer Oberland“. Fünf private Unternehmen hatten ein Angebot abgegeben - der Gemeinderat beschloss, dass der Technologie-Campus Freyung der Hochschule Deggendorf diese Aufgabe der ausführen soll. Wenn er darf, denn das scheint keineswegs gesichert: Der Rudertinger Bürgermeister Josef Schätzl (CSU) und Geschäftsleiter Josef Wimmer informierten das Gremium, dass das Innenministerium prüfe, ob die Hochschule Deggendorf als staatliche geförderte Einrichtung das Energie-Management leisten darf.

Der Freistaat Bayern unterstützt das Technologie-Transferzentrum mit einer auf fünf Jahre befristeten Anschubfinanzierung von 4,375 Millionen Euro. Diese Mittel sind für Personal und Ausstattung vorgesehen. Für die Unterbringung des Technologie-Transferzentrums steuern der Landkreis Freyung-Grafenau und die Stadt Freyung jeweils weitere 125 000 Euro pro Jahr bei. Klärungsbedarf in dieser Frage sieht auch MdL Konrad Kobler. „Das ist eine zweischneidige Sache“, sagt der CSU-Landtagsabgeordnete. „Hier werden privatwirtschaftlichen Unternehmen Aufträge weggenommen - und das, obwohl immer die Rede ist von der Stärkung des ländlichen Raumes. Die Kommunen tragen so dazu bei, ihre Steuern zahlenden Betriebe zu schwächen“, erklärt Kobler. Andererseits habe er auch Verständnis, dass Ausgründungen der Fachhochschulen - wie beim Technologie-Campus Freyung der Fall - versuchen müssen, an finanzielle Mittel zu gelangen. „Ich sehe beide Seiten.“

Dieses „ordnungspolitische Problem“, so Kobler, bedürfe einer grundsätzlichen Klärung durch die Staatsregierung. „Man muss hier zu einem einvernehmlichen Kompromiss kommen, mit dem beide Seiten leben können“, fordert der Landtagsabgeordnete.

Campus: Ängste sind unbegründet

In der Branche rumort es derweil heftig: Ein Unternehmer, der ungenannt bleiben möchte, da er geschäftliche Benachteiligungen fürchtet, wenn er offen Kritik an dem Prestige-Projekt der Kommunalpolitik äußert, sieht zwar die faktische 100-prozentige Förderung für die ersten fünf Jahre für Forschung und Entwicklung als gerechtfertigt an. „Es ist aber nicht hinnehmbar, dass die öffentlichen Mittel und die dadurch geschaffene Ausstattung und Personalstruktur, genutzt wird, um den auf dem freien Markt bereits tätigen Ingenieur- und Planungsbüros Konkurrenz bei der Vergabe von Aufträgen zu machen - speziell in Bereichen, die nicht annähernd mit Forschung und Entwicklung zu tun haben“. Zumal seiner Ansicht nach auch keine Referenzen oder herausragendes Know-how in diesem Zusammenhang beim Technologie-Campus erkennbar seien. „Für die gesamte Branche bedeutet dies eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung, die zur Folge hat, dass keine leistungsfähigen Unternehmen in dem Bereich entstehen oder bestehen können.“

Die Dominanz der Hochschule mit den damit verbundenen öffentlichen Mitteln ermögliche zudem keine marktgerechte Entwicklung in diesem Markt. „Mittel- und langfristig hat dies auch zur Folge, dass sich in der Region im Zukunftsmarkt Energiewende keine leistungsfähigen Unternehmen mit entsprechenden Arbeitsplätzen entwickeln können“, befürchtet der Unternehmer, der betont, dass mehrere Kollegen der selben Meinung seien. Sie würden sich aber aus Furcht vor drohenden geschäftlichen Nachteilen mit Kommunen nicht öffentlich äußern wollen.

Der Technologie Campus in Freyung sieht die Ängste der privaten Anbieter, dass der Campus ihnen Aufträge „wegschnappen“ könnte, indes als unbegründet. In einer Stellungnahme erklärt Josef Pauli, technischer Leiter der Arbeitsgruppe Angewandte Energieforschung am TCF: „Falls Ängste bei einzelnen privaten Anbietern und wenigen politischen Entscheidungsträgern vorliegen, laden wir diese gerne zum Meinungsaustausch an den Technologie Campus Freyung ein. Dieser wird ergeben, dass solche Ängste unbegründet sind und hingegen der Nutzen für die regionale Energiebranche und für die gesamte Region aus volkswirtschaftlicher, betriebswirtschaftlicher und sozialer Sicht groß ist.“ Auch betont Pauli: „Zudem ist die Durchführung von Projekten am Technologie Campus Kernaufgabe des Campus und Teil des Auftrags der TC.“

Hintergrund

Ein Energie-Nutzungsplan zeigt die Potenziale sowie den Energiebedarf einer Region auf und spricht Empfehlungen aus. Energie-Management ist indes die Konkretisierung - also: Wie geht man mit der Energie um? Wie managt man den Verbrauch?

Quelle: Passauer Neue Presse, 17. August 2012
Autor:Christoph Seidl und Jennifer Jahns