20150729-sprachhelferEhrenamtliche Sprachhelferinnen geben Flüchtlingen Deutsch-Unterricht – und bekommen viel zurück

Es geht ihnen nicht darum, dass die Flüchtlinge am Ende perfekt deutsch reden können. Das würde auf die Schnelle auch gar nicht gehen. Aber sie zum Weiterlernen motivieren, ihnen eine gewisse Sicherheit geben und die Möglichkeit, alltägliche Dinge sagen zu können, ihnen das Gefühl vermitteln, willkommen zu sein – diese Aufgaben haben sich die Sprachhelferinnen der Technischen Hochschule gestellt. Und wenn man sie strahlen sieht, während sie von ihrem Ehrenamt erzählen, weiß man, dass sie auch unglaublich viel zurückbekommen.

Franziska Kirchhoff aus München ist Elektrotechnik-Studentin im zweiten Semester, Lea Unrath aus der Nähe von Nürnberg studiert im zweiten Semester Internationales Management. Sie sind zwei von insgesamt etwa 15 Studierenden, die den in Deggendorf ankommenden Flüchtlingen seit März Sprachkurse geben. Lea und jeweils zwei bis drei weitere junge Ehrenamtliche kommen dazu dienstags und donnerstags jeweils eineinhalb Stunden lang mit 20 bis 30 Flüchtlingen zusammen. Franziska schafft das neben dem Studium zeitlich so nicht, gibt dafür aber Einzel-Unterricht. Die Zusammenarbeit mit der Caritas funktioniert sehr gut, und auch die Hochschule unterstützt die jungen Frauen nach Kräften. Räume für ihre Kurse stehen also immer zu Verfügung, meistens bei der Caritas unmittelbar neben der Erstaufnahmeeinrichtung.

Angefangen hat alles mit einer Rundmail an alle Studierenden, wer denn Lust habe, sich der Flüchtlinge anzunehmen. Das war Ende vergangenen Jahres. Noch vor dem Jahreswechsel, der die Flüchtlingsströme nach Deggendorf brachte, begannen die engagierten Studierenden, sich schulen zu lassen. Virginia Wallner vom Sprachenzentrum der Hochschule zeigte ihnen, wie man Sprachunterricht gibt. Sie sprach eine Stunde lang nur Portugiesisch mit den jungen Leuten. "Da haben wir ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, wenn man gar nichts versteht", erzählt Lea Unrath lachend. Allein diese Erfahrung war es schon wert.

Die Sprachhelferinnen haben auch Unterrichts-Unterlagen bekommen, dürfen in der Bibliothek der Hochschule die entsprechenden Bücher bestellen. "Die Hochschule hilft uns wirklich sehr", das findet Franziska Kirchhoff toll.

Sie ist eine jener Ehrenamtlichen, die auch in der Kleiderkammer der Caritas für die Flüchtlinge mithelfen. "Ich helfe, Sachen einzuräumen und auszugeben. Oder spiele mit den Kindern." Die Ankömmlinge seien so dankbar, erzählt sie, einmal nicht nur mit Security-Leuten zu reden, sondern auch einfach nur ein paar freundliche Worte zu hören. Auch wenn sie die Sprache nicht verstehen – die Botschaft, dass sie willkommen sind, komme auch ohne Worte an.

Mit Händen und Füßen wird oft auch in den Kursen kommuniziert. Lea Unrath hat festgestellt, dass sie oft gar keine andere Wahl hat. Denn nicht alle der Flüchtlinge können Englisch. Manchmal sind nur einer oder zwei in der Gruppe, die dann dolmetschen. Bei allen anderen müssen die Sprachhelferinnen erfinderisch sein und ohne gemeinsame Sprachgrundlage die ersten deutschen Wörter beibringen. Franziska vermittelt das Sprachgefühl zum Beispiel auch, indem sie ihrem Schüler deutsche Lieder aufs Handy spielt. Lea und ihre "Kolleginnen" setzen sich im Kurs je nach Können auch mal mit kleineren Gruppen oder einzelnen Schülern zusammen.

Als Dankeschön für ihre offene Art dürfen die jungen Frauen ein paar arabische Begriffe lernen und erfahren vieles über die Kultur in den Herkunftsländern der Kursteilnehmer. "Mein Bild von den Frauen dort habe ich zum Beispiel komplett über den Haufen geworfen", sagt Franziska. "Die sind dort viel mehr in den Alltag integriert, als ich dachte."

Die Flüchtlinge kommen mit Frauen als Lehrerinnen gut klar. Es sind überwiegend Männer, die die beschwerliche Reise zunächst ohne die Familie machen, um diese später nachzuholen. "Und diese Reise ist wirklich so gefährlich, wie man es in den Medienberichten mitbekommt." Die jungen Frauen hören die Geschichten aus erster Hand und sind oft erschüttert darüber, wie diese Menschen um das nackte Überleben gekämpft haben. Erst im Krieg, dann auf der Flucht davor. "Die sind oft genauso alt wie wir. Aber sie haben eine so komplett andere Geschichte."

Es kommen auch Flüchtlinge an, die sich vorstellen könnten, in Deggendorf zu studieren. Manchmal klappt das aber einfach nicht, erzählt Franziska von ihrem Schüler, der zusammen mit seinem Bruder nach Deutschland gekommen ist. "Den Bruder durchzubringen, ist das Wichtigste. Er muss Geld verdienen. Da geht das mit dem Studieren nicht." Dass die Flüchtlinge in den ersten Monaten nicht arbeiten dürfen, falle ihnen schwer. "Die wollen ja gerne was Sinnvolles tun", weiß Lea.

Dass ihre ehrenamtliche Arbeit, mit der sie nach den Semesterferien ab 1. Oktober weitermachen, etwas Sinnvolles ist, steht für die beiden Frauen außer Frage. Alle Seiten nehmen davon viel mit. "Ich gehe jeden Montag mit einem Strahlen aus dem Kleiderladen", sagt Franziska. Das gibt ihr viel. Am schönsten war neulich der Moment, als ein Kind sie dort umarmt hat. Es hat dabei zu ihr die ersten deutschen Worte gesagt, die es gelernt hat: "Ich liebe dich."

29.07.2015 | PNP-Katrin Schreiber


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