20120615-hightech-forschung

Photovoltaik und Weltraumforschung - der Technologie Campus Teisnach im Bayerischen Wald ist auf Erfolgskurs.

Ein Transrapid ist in der Lage, aus dem Stand heraus in 60 Sekunden auf 200 km/h zu beschleunigen. Innerhalb weiterer 60 Sekunden kann er seine Geschwindigkeit auf 400 km/h verdoppeln. „Wie wär’ das schön“, schwärmten bayerische Politiker.

In zehn Minuten von der Landeshauptstadt zum Münchner Flughafen. Es blieb beim Schwärmen. Dafür sorgt das für den Transrapid-Bau vorgesehene Geld jetzt in Teisnach für Rekordbeschleunigungen. Mitten im Bayerischen Wald, am Ortsrand des Marktes Teisnach forschen und arbeiten zwanzig Männer und Frauen am Technologiecampus. Derzeitiges Großprojekt: Die Herstellung von Teleskopspiegeln für die Weltraumforschung. Bislang dauert die Herstellung drei Jahre. Das will Teisnach schneller und präziser können. Sozusagen in Transrapid-Geschwindigkeit.

Vor zweieinhalb Jahren ist der Technologiecampus Teisnach feierlich eröffnet worden. Er gehört zur Hochschule Deggendorf und ist aus deren Labor „Optical Engineering“ hervorgegangen. Optische Technologien stehen auch in Teisnach im Mittelpunkt des Forschungsinteresses – oder genauer gesagt: Fertigungs- und Messtechnik im Bereich Optik sowie Mikrowellenoptik und Hochfrequenztechnik. Geforscht wird „industrienah“, wie Leiter Professor Rolf Rascher sagt. Statt klassischer Grundlagenforschung, wie sie oft Universitäten betreiben, arbeitet man in Teisnach eng mit der Industrie zusammen. Beispielsweise führen die Wissenschaftler Machbarkeitsstudien durch oder entwickeln für Betriebe Schleif- und Polierwerkzeuge, um nur einen kurzen Einblick in die lange Liste der möglichen Dienstleistungen zu geben. Gefragt sind vor allem besondere Messtechniken. „Wir haben einige, die Firmen nicht unbedingt haben, aber brauchen“, so Professor Rolf Rascher. „Oder wir entwickeln für sie gleich ein neues Messverfahren.“

So verwundert es nicht, dass die Wissenschaftler auf dem 10 000 Quadratmeter großen Areal nicht lange allein geblieben sind. „Schon bei der Planung haben wir gemerkt, welche Sogwirkung der Campus hat“, erzählt Rita Röhrl, Bürgermeisterin des Marktes Teisnach. Angefangen habe man mit einer Planung, die mit fünf Millionen Euro Investitionssumme ausgekommen wäre.„Gebaut haben wir eine Anlage für 16 Millionen Euro“, sagt die Rathauschefin.

Die Geburtsstunde des Zentrums 2009 stand unter keinem guten Stern. „Kaum stand der Campus, kam die Wirtschaftskrise, und die Gewerbesteuer brach ein.“ Trotzdem habe sich das Areal innerhalb kürzester Zeit „rasant entwickelt“, erzählt die Bürgermeisterin erleichtert.Rasch hinzu gekommen sind der Photovoltaik- und Solarzellenhersteller Soleg sowie amplus AG, die schnelle Internetverbindungen bieten, sogar für den von Mitbewerbern lange stiefmütterlich behandelten Bayerischen Wald. In unmittelbarer Nachbarschaft: Die Entwicklungsabteilung der Firma ZVK, einem Hersteller von Glasfaser- und Kupferverbindungskabeln, sowie die Behindertenwerkstatt der Lebenshilfe. Weitere Firmen werden folgen. Anfragen von Unternehmen aus den Branchen Sensorik, Metall und Elektronik liegen der Marktgemeinde bereits vor. „Ein Erweiterungsbau mit 6000 Quadratmetern wird bald kommen“, verrät die Bürgermeisterin. Damit ist das Areal aber noch nicht an seine räumlichen Grenzen gelangt. Unbebaute, benachbarte Grundstücke gibt es genug. „An den Erfolg des Technologiecampus habe ich immer geglaubt, aber dass er sich so schnell so erfolgreich entwickelt, das hätte ich nicht gedacht“, verrät Röhrl. „Ich wäre schon sehr zufrieden gewesen, wenn wir den Stand von heute erst in fünf Jahren erreicht t hätten.“ Ein Transrapid eben.

Eine Firma ist für das Zentrum besonders wichtig: Rohde und Schwarz. Das Unternehmen für Mess- und Kommunikationstechnik mit Hauptsitz in München hat eine Zweigniederlassung in Teisnach, die gerade um eine vierstöckige Fertigungshalle mit 18 000 Quadratmetern Geschossfläche erweitert wird. Der Konzern zahlt nicht nur viel Gewerbesteuer, die es dem Markt erst ermöglicht hat, das 16 Millionen teure Projekt zu stemmen, es hat auch zwei Stiftungsprofessuren ausgestattet. Unternehmen und Campus profitieren gegenseitig voneinander. Rohde und Schwarz kann auf neueste Erkenntnisse und gut ausgebildete Studenten und Wissenschaftler zurückgreifen, die Hochschule wiederum hat einen starken Partner an ihrer Seite. „Und mir zeigt es, dass Rohde und Schwarz auf lange Sicht hier bleiben will und sich klar zum Standort Teisnach bekennt“, schiebt Rita Röhrl hinterher.

In Zukunft wird es wohl weiterhin steil bergauf gehen. Und man will hoch hinaus: bis in den Weltraum. Mit „IFasO“. Dahinter verbirgt sich das Projekt „Integrierte Fertigung asphärischer Optik“, das zum Ziel hat, Teleskopspiegel mit einem Durchmesser von bis zu 2000 Millimeter bei einer Genauigkeit von bis zu Lambda/20 herzustellen. Oder anders gesagt: In Teisnach will man bald etwa zwei Meter große Spiegel bis zu einer Genauigkeit von 30 Nanometern herstellen und somit seinen Beitrag zur Weltraumforschung leisten. Wer auch mit 30 Nanometer nichts anfangen kann: in einer Sekunde wächst ein Grashalm um diese Größe. Dass die Herstellungsolcher Spiegel nicht ganz einfach ist,versteht sich von selbst. Teisnach willaber auch hier Transrapid-Tempo vorlegen und neue Maßstäbe setzen. Eine mit der Firma OptoTech aus Hessen neu entwickelte Maschine soll es ermöglichen.

„Die Maschine ist vollkommen neu, wurde vorher noch nie gebaut und ist voll mit neuer, bisher noch nicht eingesetzter Elektronik, Mechatronik und Mechanik“, erzählt Professor Rolf Rascher begeistert und deutet mit seinen Händen an, wie riesig sie ist: „Doppelt so groß wie dieser Konferenzraum.“ In wenigen Monaten wird die Maschine nach Teisnach gebracht. „In Einzelteilen, sonst bekommen wir sie nicht herein.“ Ein Platz ist bereits reserviert. Wer durch die Tür des Forschungszentrums geht, wird in Zukunft an ihr staunend vorbeigehen können. „Vielleicht nimmt man uns dann als echten Hightech-Standort wahr“, hofft die Bürgermeisterin. „Wir haben nämlich nicht nur Wanderwege zu bieten, sondern auch innovative und weltweit agierende Firmen.“ Und der Transrapid sorgt für Tempo – inmitten ländlicher Idylle.

Quelle: Erschienen in der Wirtschaftszeitung - HANDEL, HANDWERK, INDUSTRIE UND GEWERBE IN OSTBAYERN, Nr. 6 Juni 2012
Autor: CLAUDIA ROTHHAMMER

 


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