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Logistik-Campus Grafenau entwickelt innovative Prognosesysteme für exakte Bestellungen durch den Einzelhandel.

Mit Unterstützung des Bayerischen Landwirtschaftsministers Helmut Brunner will die Hochschule Deggendorf HDU am Standort Grafenau eine Art "Superhirn" für den Lebensmittel-Handel entwickeln, damit nur so viel Ware bestellt wird, wie dann auch verkauft werden kann.

"Mit diesem intelligenten Prognose-und Dispositions-System wollen wir dazu beitragen, dass weniger Lebensmittel verschwendet werden", sagte Dr. Diane Ahrens zur PNP. Die Professorin für Internationales Management ist auf Einkauf und Logistik spezialisiert und leitet den Logistik Campus in Grafenau.

Frau Professor Ahrens, wo setzen Sie beim Thema Lebensmittelverschwendung an?

Prof. Diane Ahrens: Bundesweit werden jährlich knapp elf Millionen Tonnen verwertbare Lebensmittel als Abfall entsorgt. Die privaten Haushalte sind dabei mit einem Anteil von rund 60 Prozent zwar die größten Abfallverursacher, doch findet Verschwendung auch andernorts entlang der Wertschöpfungskette statt: Im Groß- und Einzelhandel, bei Großverbrauchern, in der Gastronomie, aber auch bei Herstellern werden genussfähige Lebensmittel oder Rohstoffe unnötig entsorgt. Die Ursache liegt meist in falscher Planung.

Und hierauf wollen Sie den Fokus setzen?

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Ahrens: Im geförderten Forschungsprojekt liegt der Fokus auf dem Lebensmitteleinzelhandel. Die Bestellung der richtigen Warenmenge zum richtigen Zeitpunkt stellt für den Händler eine große Herausforderung dar. Die Warenvielfalt und das Ziel der stets gefüllten Regale − zum Beispiel Backwaren auch noch kurz vor Ladenschluss − zwingen den Handel, mehr Waren zu bestellen als oftmals tatsächlich verkauft werden. Auch wenn der Lebensmitteleinzelhandel auf eine sehr effiziente Logistik im Bereich der Belieferung zurückgreifen kann, so krankt es doch "auf der letzten Meile". Das Personal ist häufig neben der Disposition mit Aufgaben wie Warenannahme, Auspacken und Einräumen der Ware oder dem Kassieren beschäftigt. Dabei ist die Ermittlung der richtigen Bestellmenge vor allem bei leicht verderblichen Frischeartikeln wie Salat nicht einfach.

Wie wollen Sie da helfen?

Prof. Ahrens: Die Einflussfaktoren auf die Bestellmenge sind vielfältig und zeitlich veränderlich. So ist die Bestellmenge von Salatköpfen etwa abhängig von der Saison und der Frage, ob die Käufer im Sommer eigenen Salat anbauen. Auch der Standort des Supermarkts, das Sortiment, das Wetter und Werbeaktionen spielen eine Rolle.

Was schließen Sie daraus?

Prof. Ahrens: Dass wir innovative Systeme benötigen, die Disponenten bei ihrer täglichen Bestellentscheidung wirkungsvoll unterstützen. Unser Ziel ist die Entwicklung von Prognosesystemen, die eine exaktere Vorhersage des Kaufverhaltens der Verbraucher ermöglichen, und von Dispositionssystemen, die daraus eine wirtschaftlich-optimale Einkaufsmenge generieren.

Prognosegüte ist um 30 Prozent zu steigern

Wie gehen Sie dabei vor?

Prof. Ahrens: Bei einer Analyse werden bis zu zehn Einflussfaktoren herausgefiltert. Dann wollen wir ein System auf Basis "künstlicher Intelligenz" entwickeln, das lernt – ähnlich wie ein Gehirn – Informationen zu vorhandenen Einflussfaktoren optimal zu verknüpfen, um eine gute Aussage machen zu können, welche Menge tatsächlich bestellt werden sollte. Je nach Branche kann die Prognosegüte bis zu 30 Prozent erhöht werden. Dies verhindert leere Regale und Umsatzverluste, falls zu wenig bestellt worden wäre bzw. unnötige Lebensmittelabfälle, da nicht zu viel bestellt wird.

Haben Sie in Grafenau die Voraussetzungen dafür?

Prof. Ahrens: Der Campus Grafenau verfügt bereits über eine ausgewiesene Expertise im Bereich anwendungsnaher Forschung. In einem vergleichbaren Projekt mit namhaften Firmen aus der Modebranche wird zur Zeit an der Prognoseverbesserung kurzlebiger Modeprodukten gearbeitet. Im neuen Projekt erfolgt eine enge Abstimmung mit den Experten des Kompetenzzentrums für Ernährung des Landwirtschaftsministeriums in Freising und mit der Uni Stuttgart als "Abfallexperten". Auch eine Kooperation mit einer Lebensmitteleinzelhandelskette ist in Vorbereitung.

Bis wann soll das "Superhirn" entwickelt sein?

Prof. Ahrens: Als Ergebnis soll eine Pilotanwendung für ein neuartiges innovatives Prognose- und Dispositionssystem (iPDS) in maximal zwei Jahren vorliegen. Das Pilotprojekt verspricht auch die Berechnung von "Verschwendungs-Kennzahlen" im Frischesortiment, die anderen Händlern als Benchmark dienen können.

In welchem Maße soll die Lebensmittelverschwendung reduziert werden?

Prof. Ahrens: Das Ziel der Forschungsarbeit ist zu zeigen, dass die Lebensmittelverschwendung im Lebensmitteleinzelhandel nachhaltig um zehn Prozent gesenkt werden kann.

Welche Projekte werden am geplanten Technologie Campus Grafenau, der im Juni 2012 in den Probebetrieb ging, noch bearbeitet?

Prof. Ahrens: Hier wird eifrig geforscht. Ein weiteres Projekt ist etwa die Entwicklung eines innovativen Navigationssystems für den Straßen-Güterverkehr (redCO2r), das den Kraftstoffausstoß deutlich senken soll. Das am 1. April 2012 gestartete Forschungsvorhaben Phase 1 wird von Firmen aus der Region Ostbayern finanziell und inhaltlich unterstützt und vom Bundeswirtschaftsministerium teilgefördert. Der Förderantrag für Phase 2 wird in Kürze eingereicht. Für die Anschlussphase haben sich zehn Firmen als Netzwerkpartner bereit erklärt, das Forschungsprojekt auch weithin aktiv zu unterstützen.

Bisher läuft der Technologie Campus Grafenau provisorisch, der Freistaat muss dem Betrieb zustimmen. Wann rechnen Sie damit? Wie finanziert sich der Campus aktuell?

Prof. Ahrens: Aktuell finanziert er sich über Forschungsprojekte, Spenden und sonstige Drittmittel. Die offizielle Genehmigung und die Anschubfinanzierung durch die Staatsregierung stehen noch aus. Aber wir hoffen auf grünes Licht bereits in nächster Zeit. Zum Ausbau der personellen Kapazität hoffen wir stark auf eine schnelle Anschubfinanzierung, um weitere hochkarätige Forscher in den Bayerischen Wald zu bringen.

Quelle: PNP vom 19.03.2013
Interview: Alois Schießl

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