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Technologie Campus Grafenau, aufatmen und nach vorne blicken.

Der am 19.03.2013 in Passau gefällte Beschluss des Ministerrats, dass in Grafenau ein Technologie-Campus für „Einkauf und Logistik“ geschaffen werden soll, hat in der gesamten Region große Freude ausgelöst.

Erleichterung herrscht vor allem bei den Campusmitarbeitern und der Leiterin Prof. Dr. Diane Ahrens. Der neue Technologie-Campus wird von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Deggendorf getragen. Die staatliche Anschubfinanzierung in Höhe von vier Millionen Euro wird in den kommenden fünf Jahren für die technische Ausstattung und für die Beschäftigung von Personal eingesetzt. Die Unterbringung des Campus sowie die Betriebskosten während der Anschubfinanzierung werden von kommunaler Seite zur Verfügung gestellt.

Dazu ein ausführliches Gespräch mit der strahlenden Campusleiterin Prof. Dr. Diane Ahrens.

Frau Prof. Ahrens, wie groß ist der Stein, der Ihnen jetzt vom Herzen fällt?

Ahrens: Kein Stein, ein Berg. Wir haben lange für den Campus gekämpft; erste Gespräche wurden bereits 2010 mit Regionalmanagement und Unternehmern der Region geführt. Einen Antrag auf Errichtung des Technologie Campus haben wir bereits am 3. Juni 2012 beim Wissenschaftsministerium eingereicht. Allerdings wurden in den letzten Monaten keine neuen Campi genehmigt. Mittlerweile haben viele Hochschulen das Erfolgsmodell „Technologie Campus“ für sich entdeckt; viele Landkreise haben festgestellt, dass dies Innovationsmotoren sind, und die Konkurrenz ist entsprechend groß. Ich bin sehr froh, dass unser schlüssiges und zukunftsweisendes Konzept ebenso wie unsere bislang aus eigener Kraft erzielten Erfolge vielleicht den Ausschlag gegeben haben. Ganz sicher ist auch anerkannt worden, dass die Region an einem Strang gezogen hat – so haben wir von vielen Seiten Schützenhilfe erhalten, von Firmen der Region, die sich als Netzwerkpartner an Forschungsprojekten beteiligten, Firmen, die Sachspenden bei der Renovierung unserer Räumlichkeiten eingebracht haben, ein unermüdlicher Landrat Ludwig Lankl, der viele Hebel in Bewegung gesetzt hat. Besonderer Dank gilt hier auch Herrn MdB Barthl Kalb, der sich stets für uns eingesetzt hat, dem Grafenauer Bürgermeister Max Niedermeier für seine beständige Hilfe und Bereitstellung der Räumlichkeiten und ebenso der Hochschulleitung und meiner Fakultät, die uns immer den Rücken gestärkt haben. Und natürlich wäre ohne das außerordentliche Engagement meiner Mitarbeiter an einen Erfolg nicht zu denken gewesen. Besonders dankbar sind wir Herrn Staatsminister Brunner für sein großes Engagement und seine Unterstützung beim Aufbau des Campus sowie die umfangreichen im Rahmen eines gemeinsamen Projektes aus seinem Ressort bereitgestellten finanziellen Forschungsmittel. Diese Gelder sind eine wertvolle Hilfe, um die Zeitspanne bis zur Mittelzuwendung aus der Anschubfinanzierung zu überbrücken und den stabilen Weiterbetrieb sicher zu stellen.

Können Sie in ein paar Sätzen erklären, was Logistik bedeutet?

Ahrens: (lacht) gar nicht so einfach! In jedem Fall weit mehr als Lager, Umschlag und Transport! Im Kern ist es die optimale Versorgung der Produktion mit benötigten Materialien und der Märkte mit Gütern. Logistik findet also in Unternehmen, aber auch zwischen Unternehmen verschiedener Branchen weltweit statt. Hierzu zählen ebenso effiziente Prozesse, durchgängiger Informationsfluss, als auch Themen wie Bestandsmanagement, Standortplanung, Prognosen. Eng verbunden hiermit sind strategische Einkaufsentscheidungen wie z.B. die Beschaffung aus Fernost, die wir als Themen genauso am Campus aufgreifen.

Anschubfinanzierung, was bedeutet das in Zahlen?

Ahrens: Die Anschubfinanzierung richtet sich nach den Anforderungen eines jeden Campus. Campi, die teure Spezialmaschinen benötigen, brauchen entsprechend eine höhere Anschubfinanzierung. Wir sind mit einer beantragten Finanzierung von rund vier Mio Euro für fünf Jahre noch eher bescheiden. Diese Mittel benötigen wir dringend für den Aufbau von Personalkapazität, aber auch Sachausstattung wie leistungsfähige IT. Ferner ist ein Labor für Nutzfahrzeugtechnik, ggf. Intralogistik geplant. Nach fünf Jahren sollten unsere Einnahmen aus Forschung, Entwicklung, Beratung und Weiterbildung dann so hoch sein, dass wir uns selber tragen können.

Was konkret bedeutet das für den Logistik-Campus, für die Mitarbeiter?

Ahrens: Meine Mitarbeiter und ich atmen erleichtert auf, da wir dringend personelle Unterstützung bei der Abwicklung von Projekten benötigen. Unsere Auftragslage ist sehr gut, doch waren wir bislang beim Aufbau von Stellen übervorsichtig, um uns finanziell nicht zu übernehmen und haben dann am oberen Limit gearbeitet. Die Anschubfinanzierung ermöglicht uns nun die wichtige Spezialisierung in Forschungsbereichen. So werden wir als nächstes einen Daten-Analysten und einen Optimierungs-Profi einstellen. An unserem Forschungs-Campus sollen durch die Verbindung verschiedener Disziplinen Synergien und Innovationen entstehen. Da Logistik eine Querschnittsfunktion ist, die sich durch Management, Technik und IT zieht, suchen wir mittel- bis langfristig neben Wirtschaftswissenschaftlern auch Physiker, Mathematiker, Ingenieure und Informatiker zur Entwicklung nachhaltiger Lösungen für Einkauf und Logistik. In fachübergreifenden Teams werden wir eng zusammen arbeiten. Natürlich bedeutet die Anschubfinanzierung auch die Verpflichtung, weiterhin erfolgreich Projekte inhaltlich abzuwickeln, Drittmittel zu akquirieren und finanziell eigenständig zu werden.

Was wird jetzt Ihr erster Schritt sein?

Ahrens: Durchatmen, dann junge engagierte Forscher suchen, finden und einarbeiten. Mit kurzzeitig befristeten Verträgen jemanden aus guter Festanstellung in den Bayerischen Wald zu locken, ist kaum möglich. Die Anschubfinanzierung erlaubt uns jetzt längere Vertragslaufzeiten, so dass wir das Interesse von erfahrenen Experten wecken können, die in unsere Region zurückkehren bzw. ziehen möchten. Über Kooperationen bieten wir auch Promotionsmöglichkeiten an und geben bereits Masterstudenten am Campus die Möglichkeit, sich weiter in Richtung Promotion zu entwickeln.

Mit welchen Unternehmen arbeiten Sie aktuell zusammen?

Ahrens: Wir arbeiten gerne mit Firmen unserer Region zusammen, sind aber auch überregional und in Großunternehmen tätig. Im kleineren Mittelstand ist häufig noch nicht die Erkenntnis gereift, dass Logistik nicht ein notwendiges Übel, sondern ein Wettbewerbsfaktor ist, in den auch investiert werden sollte. Natürlich ist es für diese Firmen auch kapazitativ schwieriger, größere Projekte zu stemmen. Daher versuchen wir nach Möglichkeit durch Studenten vor Ort zu unterstützen, die dann im besten Fall nach Ende des Studiums auch in der Firma bleiben.

Können Sie uns ein Projekt genauer vorstellen?

Ahrens: Besonders stolz sind wir auf das Forschungsprojekt zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung mit dem Landwirtschaftsministerium, über das kürzlich berichtet wurde. Hier geht es insbesondere um die Verbesserung von Prognosen unter Nutzung künstlicher Intelligenz. In vielen Firmen wird der Materialbedarf immer noch hemdsärmlich geschätzt bzw. mit Methoden gearbeitet, die mehr als 30 Jahre alt sind. Unsere Märkte haben sich aber durch zunehmende internationale Konkurrenz, technischen Fortschritt, Digitalisierung, Naturkatastrophen, Unsicherheit im Euroraum und das schnelllebige Internet wesentlich verändert. Entsprechend schwierig sind die Verkäufe -besonders für kurzlebige Produkte- vorhersagbar. Natürlich können auch wir keine Glaskugel liefern, aber eine Methodik, die signifikant bessere Prognosen erlaubt. Wir führen ähnliche Projekte bereits in der Modebranche durch. Weitere Standbeine sind maßgeschneiderte Weiterbildungskonzepte im Bereich Einkauf und/ oder Logistik für Firmen oder Branchen. So entwickeln wir momentan Weiterbildungzertifikate für Einkäufer in der Modebranche in Zusammenarbeit mit dem Verband der bayerischen Textilindustrie. Mit Firmen planen wir Inhouse-Logistik-Akademien, um angesichts der schwankenden Qualifikation von Leiharbeitern oder hoher Fluktuation einen einheitlichen Bildungsstand im Bereich Logistik zu erreichen. Kleine Videoclips und internetbasierte Lerneinheiten bringen hier viel mehr als detaillierte Arbeitsanweisungen. Ein weiteres Thema ist die Einführung von „Lean Management“ in Firmen. Schlanke Prozesse machen Firmen angesichts der volatilen Märkte wettbewerbsfähiger. Wir tragen Effizienz nicht nur in den Produktionsbereich, sondern auch mit pragmatischen Methoden ins Management. Zukünftig werden wir den Bereich „intelligente Systeme“ weiter ausbauen, z.B. im Bereich Intralogistik, also intelligente Steuerung von Förder- und Lagertechnik, Anliefersteuerung, Tourenplanung, Standortplanung oder mit intelligenten Konzepten für Mobilität und Transport. Logistik für nachwachsende Rohstoffe steht auch auf dem Programm.

Blick in die Zukunft, wo sehen Sie den TC Grafenau in fünf Jahren?

Ahrens: Natürlich möchten wir ebenso erfolgreich wie bestehende Technologie Campi sein. Teisnach hat mit international anerkannter Forschung und über 300 in und rund um den Campus entstandenen Arbeitsplätzen die Messlatte hoch gelegt. Ebenso der TC Freyung mit inzwischen über 40 Mitarbeitern. In fünf Jahren wollen wir finanziell eigenständig und solide dastehen und auf einen sehr guten Mitarbeiterstamm blicken können. Dazu zählt entsprechend auch das Ziel in einzelnen Forschungsbereichen bundesweit Anerkennung erzielt zu haben und auf internationaler Ebene mit Forschern zusammen zu arbeiten. Erste Kooperationen mit Großbritannien, Ungarn und Indien bestehen bereits. Vorrangiges Ziel ist allerdings der Abwanderung junger talentierter Menschen entgegen zu wirken, Firmenausgliederungen bzw. –ansiedlungen zu begünstigen und unsere heimische Wirtschaft durch enge Zusammenarbeit noch wettbewerbsfähiger zu machen.


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