Wo die großen Kinder wohnen

5.2.2015 |

Technologie Campus - Der Ort, an dem keiner weiß, wo Kunst beginnt und Wissenschaft endet, setzt auf unerschrockene kindliche Neugier.

Kunst trifft Wissenschaft an dem Ort, an dem die großen Kinden wohnen - auf dem Chamer Technologie Campus. Wo genau, das weiß keiner. Auch nicht nach diesem Termin. Denn niemand kann so genau erklären, wo die Kunst endet und die Wissenschaft beginnt. Auch der Campus Chef schaffte das Kunststück trotz aller Titel nicht. Prof. Dr. Ing. Peter Firsching hatte allerdings bei seiner Ansprache eine gute Entschuldigung: Schon bei Leonardo da Vinci hat niemand es hingekriegt, zu erklären, wo der Spagat zwischen Kunst und Wissenschaft beginnt und wo er endet.

 

Da bewegt sich also an diesem Freitag jeder in einem Graubereich. Trotz des Lobes von Bürgermeisterin Karin Buch und den Vertretern der westböhmischen Universität. Wo das Problem liegt, erklärt sich am besten an einem Bild: Michael Fuchs, der operative Leiter im TCC, steht in einem riesigen Raum. Mitten drin, aufgehängt an einem kunstvollen Seilgespinst, hängt ein Kasten. Am Ende stellt sich heraus, dass dessen hochtechnischer Inhalt in der Lage ist, einen Roboter-Arm zu lenken, während der ein Schleusentor zusammenschweißt. Kunstvoll aussehende Wissenschaft.

Der kleine Sieg der Neugier

Von diesem Beispiel gibt es viele an dem Ort, wo die großen Kinder wohnen. Studenten und manchmal auch Professoren lassen ihrem Spieltrieb freien Lauf und schaffen Erstaunliches. Das Geheimnis dahinter verrät Prof. Firsching: "Wir brauchen diese Mischung aus kindlicher Neugierde und Unerschrockenheit." So lässt sich auch einmal etwas schaffen, das kein anderer machen will. Das Seilzug-Roboter-System zum Beispiel, das Kollege Fuchs vorgeführt hatte. Davon hat ein Ingenieurbüro dringend abgeraten: "Das wird nichts!" Nun steht es da - und ruckelt noch ein wenig. Doch die kindliche Neugier hat den ersten Sieg davongetragen: "Wir wissen schon, warum es ruckelt", sagt Firsching. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass die Chamer Wissenschaftler - oder sind es doch eher Künstler? - was hinkriegen.

Ein gelungenes Beispiel: Thomas Fligge aus Wilting, Bachelor Eigengewächs des TCC auf dem Weg zum Master. Inzwischen ist er fester Mitarbeiter und geistiger Vater von Pepper, dem 17.000 Euro teueren Gastro-Roboter. "Hihihi", kringelt sich der kleine, weiße Kunststoff-Bub mit den Kulleraugen, als der Reporter ihm den Nacken krault. Saufrech ist er auch: "Frag mich mal, wer hier der Chef ist?", sagt er zu Firsching, um ihn kurz und knapp aufzuklären: "Ich!" Fligge wird in 14 Tagen in der Lage sein, mittels einer speziellen Microsoft Brille durch die Augen des kleinen Mannes zu schauen, mit dessen Stimme zu sprechen und dessen Arme zu bewegen, - Die großen Kinder sind noch lange nicht am Ende.

Schachturm mit Wendeltreppe

"Wenn unsere Studenten rauskommen, dann wissen sie, was sie tun werden, weil sie hier schon getan haben", sagt Fuchs. Die Beispiele findet man auf Schritt und Tritt im Chamer Campus. Da hat einer Schachfiguren am 3D-Drucker gefräst. Nicht irdgend welche, sondern zum Beispiel einen Turm mit einer Wendeltreppe innen. Eindeutig Kunst. Oder doch Wissenschaft? Das Ding hat tatsächlich innen eine Wendeltreppe - staun! Natürlich haben die großen Kinder auch eine Video-Drohne gebaut. Selbst verdrahtet, mit eigener Sensorik. "Jedes Einzelteil selbst gemacht", sagt Fuchs und ist sichtlich stolz auf seine Studenten.

Was sonst so alles entsteht, will der Diplom-Ingenieur für Kunststofftechnik oft gar nicht wissen. Denn manches scheint ziemlich freizeittauglich. So kam einer auf die Idee, einen Cocktail-Roboter zu schaffen. Natürlich einen antialkoholischen, der Säfte aus Flaschen mixt und diese dann mit einem Roboterarm über den Tresen reicht. "Auf der Messe haben die dann auch Schnaps eingefüllt ....", erzählt Fuchs und schweigt vielsagend. Das Projekt hat richtig reingehauen, doch der Schnaps scheint die Wirklung der wissenschaftlichen Erfindung etwas verwässert zu haben. Aber große Kinder müssen auch Rückschlge verdauen können. Auch eine Kunst.

Quelle: Chamer Zeitung