Wald und Wissen.

7.8.2012 |

20100717-sperber-spektralanalysator

Professor Sperber hat Glück. Es hätte ihn auch in die Wüste verschlagen können. Jetzt ist er im Wald.

Umgeben von viel Grün und properen Einfamilienhäusern erhebt sich kurz hinter dem Ortsschild des kleinen Bayerwald-Ortes Teisnach ein moderner Gebäudekomplex - „seine“ Fachhochschule. Oder nein, eine seiner bisher drei Hochschulen.
Peter Sperber, Vizepräsident der Fachhochschule Deggendorf, ist zuständig für ein in Deutschland bisher ziemlich einmaliges Projekt: Er bringt die Hochschule von der Stadt aufs Land und dort zu den Unternehmen.
Drei dieser FH-Außenstellen - Technologiezentrum oder Hochschulcampus genannt - sind bereits in Betrieb (Teisnach, Freyung und Cham), sieben sollen es am Ende werden (siehe unten). Die Technologiezentren sind mit modernster Labortechnik ausgestattet und mit hochqualifiziertem Personal besetzt. Hier wird geforscht, ausgebildet und vor allem: mit Unternehmen zusammengearbeitet. Ein Teil der FH-Studenten aus Deggendorf soll künftig das letzte Jahr vor ihrem Abschluss in einem der Technologiezentren verbringen. Dort forschen sie gemeinsam mit Firmen an neuen Verfahren und Produkten und stehen der örtlichen Wirtschaft gleichzeitig als hochqualifizierte Dienstleister mit der Ausstattung einer Hochschule zur Verfügung. Für solche Leistungen - etwa spezielle Messungen

Teisnach statt Transrapid

oder Oberflächenbehandlungen - zahlen die Firmen, was langfristig die Finanzierung des Hochschulstandorts sichern könnte. Zweite Säule des Projekts sind an die Hochschule angegliederte Gründerzentren - hier sollen sich Unternehmen ansiedeln und Studenten zum Schritt in die Selbstständigkeit ermuntert werden.
Die Anfänge des Projekts als Erfolg zu bezeichnen, wäre untertrieben - Prof. Sperber ist schlicht begeistert. Am 10. Oktober 2009 wurde das Technologiezentrum Teisnach eröffnet, am selben Tag war der Gründercampus bereits komplett vermietet. Geplant war, dass die Betriebskosten in Teisnach innerhalb von ein bis zwei Jahren aus eigener Kraft gedeckt werden, dieses Ziel ist jetzt schon erreicht. Bis Jahresbeginn sollten 46 Arbeitsplätze an der Hochschule und im Gründercampus entstehen, im Moment sind es rund 150 - ohne das FH-Personal, freut sich Rita Röhrl, die Bürgermeisterin von Teisnach.
Ein wenig Erleichterung mag durchaus mit im Spiel sein, denn die Gemeinden, in denen die Technologiezentren entstehen, haben kräftig mitinvestiert - Teisnach 12,5 Millionen Euro. Die Kommunen stellen die Gebäude zur Verfügung oder errichten neue, stellen diese für fünf Jahre kostenlos zur Verfügung und kommen für sämtliche Betriebskosten auf. Dafür bekommen sie: die Mieteinnahmen aus dem Gründercampus, neue Arbeitsplätze, gegebenenfalls zusätzliche Steuereinnahmen und - einen eigenen Hochschulstandort.

Die Fachhochschule Deggendorf stellt Personal und Geräte, finanziert mit Fördermitteln des Freistaats. Dass das Geld locker war fürs „flache“ Land hat seinen Grund im Scheitern eines städtischen Projekts: Weil der Transrapid in München nicht gebaut wurde, war das eingeplante Geld plötzlich verfügbar. Dass das Deggendorfer Projekt - Technologiezentren für die ländlichen Regionen - auch zum Zuge kam, ist fast ein bisschen erstaunlich, denn ganz am Anfang bestand das Konzept aus nicht mehr als eben diesen paar Wörtern. „Als wir die Zusage bekamen, wusste in der Region niemand, dass wir das überhaupt beantragt hatten“, erzählt Sperber. Mittlerweile ist die Deggendorfer Initiative zu einem Vorzeige-Projekt geworden, Delegationen aus ganz Bayern und darüber hinaus besichtigen inzwischen Teisnach. Für Sperber hat das zur Folge, dass er jetzt in Teisnach öfter als in Deggendorf zur ungeliebten Krawatte greifen muss. Entschädigt wird er mit einem Arbeitsplatz „in traumhafter Umgebung“, worüber er sich freut. „Dass ich jetzt viel Zeit hier im Bayerischen Wald verbringe, ist natürlich ein angenehmer Nebeneffekt“, erzählt der Oberpfälzer. „Aber wir wären mit unserem Projekt wenn nötig auch in die Wüste gegangen.“ Das Ziel war: Eine strukturschwache Region zu stärken und als Hochschule mit den Firmen vor Ort zu kooperieren. Aber damit gibt sich Sperber noch nicht zufrieden. Ihm schwebt vor - und dafür hat er sich zuweilen schon als Spinner bezeichnen lassen müssen - den Bayerischen Wald zu einer Art zweitem Silicon Valley zu machen. Dass dem Bayerwald, obwohl viele der hier ansässigen Firmen in ihrer Nische Spitzenniveau, nicht selten gar die Weltmarktführerschaft erreichen, noch immer mit dem Image als technologisch wenig fortgeschrittene Region zu kämpfen habe, sieht Sperber als Hauptgrund für nur mäßige Unternehmensansiedlungen. Er will innerhalb von fünf Jahren erreichen, dass der Bayerwald in ganz Deutschland als Technologieregion bekannt ist, in zehn Jahren soll die Region in einem Atemzug mit dem berühmten US-Mekka der Computerindustrie, Silicon Valley, genannt werden. Das übrigens liegt wirklich in der Wüste.

Passauer Neue Presse/  Laurent Martinez