Technologiecampi: Wirtschaftsfaktor mit Perspektive

21.1.2011 |

Die Idee vom fachübergreifenden Austausch zwischen Lehre, Forschung und Industrie hat sich bereits seit 1999 im Innovations Technologie Campus 1 (I@TC 1) Deggendorf bewährt. Nun erregt die Hochschule Deggendorf mit weiteren Campi bundesweit Aufsehen und hat bereits Nachahmer gefunden. Unter anderem hat Landshut sogar in der Nähe - in Ruhstorf - einen Campus mit Schwerpunkt Energietechnik gegründet. Das ist jedoch kein Problem für Deggendorf. „Ohne Konkurrenz schläft man ein“, sagt Präsident Prof. Dr. Reinhard Höpfl.

Teisnach

Als Zentrum für optische Technologien und Hochfrequenzanwendungen geplant und 2009 eingeweiht, hat sich der TC Teisnach rasant entwickelt. Die 76 Arbeitsplätze im vergangenen Jahr, davon 26 im Hochschulbereich und 50 im angegliederten Gründer- oder Gewerbecampus, sollen bis 2013 auf 265 (40/225) aufgestockt werden.
Fünf Millionen Euro waren als Anschubfinanzierung aus Transrapid-Mitteln des Freistaats (Bayern FIT/Forschung-Innovation-Technologie) nach Teisnach geflossen. Der Markt selbst stellte für das Gebäude und die Infrastruktur fünf Millionen Euro zur Verfügung. Drei weitere Millionen wurden in neueste Technologien investiert, die es an der FH Deggendorf so nicht gibt, beispielsweise in absolut schwingungsfreie Labore, die ein Höchstmaß an optischer Präzision gewährleisten.
„Der einmalige Gerätepark ermöglicht nicht nur, Aufträge von führenden Firmen der Optikbranche zu akquirieren, sondern rechtfertigt auch die staatlichen Drittmittel“, erklärt Prof. Höpfl. Von den zehn Millionen Euro, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) der Hochschule Deggendorf 2010 zugewiesen hat, wurde immerhin ein Drittel Teisnach zugeordnet.
Fünf Firmen haben sich auf dem Gelände des Gründercampus niedergelassen, mit denen eine dauerhafte oder projektbezogene Zusammenarbeit besteht. „Es sind vor allem mittelständische oder auch kleinere Betriebe“, sagt Claudia Wildfeuer, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. „Wir sind für alle Anfragen offen.“
Die Synergien von Technologie- und Gründercampus lassen darauf schließen, dass sich Teisnach über die fünfjährige Förderphase hinaus amortisiert. Prof. Höpfl: „Der TC finanziert sich bereits jetzt zu 80 Prozent selbst und ist somit bald autark.“

Freyung

Die 17 Mitarbeiter, die sich seit 2009 in Freyung der Geoinformatik, der Bionik und den sogenannten Embedded Systems (Minicomputer, die nicht mehr als solche zu erkennen sind, z.B im Autoschlüssel) widmen, sollen bis 2013 um 53 Kollegen auf insgesamt 70 aufgestockt werden. Nach nur einem Jahr können sich auch die zwölf Hochschulangestellten und fünf Mitarbeiter des Gründercampus Freyung laut Höpfl schon zu 60 Prozent selbst finanzieren.
In Freyung sind ebenfalls fünf Millionen Euro als Anschub investiert worden. Die Kommune Freyung hat eine analoge Summe in die Gebäude gesteckt. Von den zehn Millionen BMBF-Drittmitteln teilen sich die Freyunger ein Drittel mit Cham und Deggendorf.
Neben dem Aufbau eines Lehrangebots liegt wie bei allen Standorten ein Schwerpunkt in der Beratung und Unterstützung von Firmen im Bereich der angewandten Forschung und Entwicklung. Unternehmen finden kompetente Ansprechpartner vor Ort, unter anderem zu Förderprogrammen.
„Wir arbeiten projektbezogen“, sagt Pressesprecherin Kristina Wanieck. Aktuell betreut der TC Freyung im Landkreis Freyung-Grafenau 13 wissenschaftlich-technisch orientierte Firmen und 20 bis 30 Firmen überregional bis München. Aber auch Gemeinden, die sich eine Karte für ihre Gewerbebetriebe anfertigen lassen, der Nationalpark Bayerischer Wald oder die EU mit einem Hochwasserrisikomanagement-Projekt zählen zu den Kunden. Neben Kooperationsverträgen mit Schulen (Girls Day) setzt der Campus mit Blick auf die Zukunft auf die Azubirotation. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin: „Auf unserem Gründercampus können sich zudem Existenzgründer niederlassen, die den direkten Bezug zur Hochschule zu schätzen wissen.“ Seit Oktober hat sich ein Gründer angesiedelt.

Cham

Im Oktober vergangenen Jahres ist der Technologiecampus Cham ebenfalls mit einem Startpaket von fünf Millionen Euro eingerichtet und eröffnet worden. Auch hier ist eine etwa gleich hohe Summe von der Kommune in Gebäudeform zugesteuert worden. Derzeit sind fünf Hochschulmitarbeiter tätig, bis 2013 sollen es 25 sein. Arbeitsplätze in einem angegliederten Gründercampus wie bei den anderen Standorten gibt es noch nicht.
Zentrale Aufgabengebiete sind Forschung, Entwicklung und Lehre auf den Gebieten Mechatronik, Robotik und Automatisierungstechnik. Projekte sind etwa der Kollisionsschutz für Baukräne oder eine Testumgebung für elektrische Fahrzeugantriebe. Schwerpunktmäßig wird mit 33 Firmen des Kompetenz-Netzwerks Mechatronik Ostbayern zusammengearbeitet. Durch die enge Verzahnung von Wissenschaft und Forschung mit den Erfordernissen der regionalen Wirtschaft sei der Campus im Bereich Mechatronik der Standort für exzellente Aus- und Weiterbildung und angewandte Forschung und Entwicklung, soTeamassistentin Sonja Höcherl. „Der TC Cham versteht sich als Mechatronik-Dienstleister und legt bei der Planung von Seminaren besonderen Wert auf die gemeinsame, flexible und zeitnahe Abstimmung der Weiterbildungsmaßnahmen mit den Unternehmen. Dadurch entsteht ein klarer Wettbewerbsvorteil für die Region.“
Zwar sei es laut Präsident Reinhard Höpfl nach nur wenigen Monaten zu früh zu sagen, wann Cham schwarze Zahlen schreiben könnte. Fest steht aber: Die Anschubfinanzierung ist für jeweils fünf Jahre ausgelegt. Höpfl: „Danach müssen sich die Campi selbst tragen.“ Wirtschaftlich-unternehmerisches Handeln sei wie im Stammhaus Deggendorf grundsätzlich oberstes Gebot. Höpfl: „Nur auf dieser Basis können von unseren insgesamt 400 Hochschulmitarbeitern 150 aus Drittmitteln finanziert werden.“

Schloss Mariakirchen

Etwas aus dem Rahmen fällt der Campus Schloss Mariakirchen in Arnstorf, der 15 neue Arbeitsplätze schafft und im April von Wissenschaftsminister Dr. Wolfgang Heubisch offiziell eröffnet werden soll. Das Institut wird nicht staatlich, sondern von der Hans-Lindner-Stiftung finanziert. Es widmet sich der Übertragung der Nachhaltigkeitsziele auf das Bauwesen und kooperiert mit der Universität UMIT im österreichischen Hall/Tirol. Neben Forschung und Entwicklung zum nachhaltigen Bauen gehören auch Beratung und Weiterbildung zum Portfolio. Zusätzlich sind am Institut die Bereiche Existenzgründung sowie Gesundheits- und Pflegepädagogik angesiedelt.

Spiegelau

Interessante Synergieeffekte mit dem TC Teisnach sollen sich schließlich nach der Eröffnung des TC Spiegelau noch heuer ergeben. Eine Million Euro sind bereits vom Freistaat zur Verfügung gestellt worden. Auch in Spiegelau werden sich zunächst 6, 2013 voraussichtlich 65 Mitarbeiter mit der Optimierung von optischem Glas, der Prozessentwicklung und -optimierung sowie der Mess- und Fertigungstechnik befassen. Dies ist in enger Zusammenarbeit mit der Universität Bayreuth vorgesehen. Prof. Höpfl: „Kurz gefasst steht in Teisnach kaltes Glas, in Spiegelau heißes Glas im Fokus.“

Perspektiven

Für den FH-Präsidenten sind die Campi ein aktiver Beitrag gegen die negative demografische Entwicklung der Region: „Sehr gut ausgebildete Menschen in innovativen Technologien stärken die Wirtschaft der Region und die Branche.“ Nur durch die regional flächendeckenden Campi habe die FH Deggendorf etwa das Modellprojekt E-Wald mit einem Volumen von 40 Millionen Euro an Land ziehen können. In den Landkreisen Cham, Regen, Freyung-Grafenau, Straubing-Bogen, Deggendorf und Passau werden an Hotels, touristischen Sehenswürdigkeiten, öffentlichen Einrichtungen Ladestationen für Elektroautos aufgebaut, um die Alltagstauglichkeit der Elektromobile zu testen. „Wir müssen generell langfristig planen“, sagt Prof. Reinhard Höpfl. „Die FH Deggendorf lebt von ihrem Umfeld.“ 50 Prozent der Studierenden kämen aus dem Bayerischen Wald. Ihnen eine attraktive berufliche Zukunftsperspektive zu geben, dazu tragen auch die Campi bei.

Jeder Campus muss eine Win-win-Situation sein

Aber: „Jeder Campus muss eine Win-win-Situation sein“, betont Prof. Höpfl. „Die anwendungsorientierten Forschungsergebnisse helfen einerseits der Wirtschaft, ihre Verfahren, Dienstleistungen und Produkte zu verbessern. Die Studierenden haben andererseits die Möglichkeit, Hightech-Ausstattungen zu nutzen, die nur Technische Universitäten vorhalten.“ Außerdem profitierten Absolventen von Industriekontakten und der Gründungsförderung. Und die Hochschulen oder Universitäten wiederum vom Nachwuchs. Aus diesem Grund steht für Hochschulratsvorsitzenden Karl Wisspeintner fest, dass der nächste Campus in Passau stehen muss.
Präsident Prof. Höpfl, der 2012 aus Altersgründen ausscheidet, dürfte als Baumeister in die prosperierende Deggendorfer Fachhochschul-Geschichte eingehen. In den vergangenen 15 Jahren hat er einen dreistelligen Millionenbetrag „verbaut“. 60 Millionen Euro sind in den Campus Deggendorf geflossen, 30 Millionen in die TC und 40 Millionen in den Neubau. Dazu kommen zusätzlich zehn Prozent für die Geräteausstattung.
Die Sparkasse Deggendorf hat weitere 30 Millionen in den Umbau des ehemaligen Schlachthofs zum ITC 2 gesteckt, der von der FH angemietet wird und das neue Institut für Crossborder Healthcare Management beherbergt. Mit derzeit 4100 Studierenden ist die Hochschule Deggendorf als Wirtschaftsfaktor der Region nicht mehr wegzudenken.

Passauer Neue Presse/ Ariane P. Freier