Professor für Stall und Studium

5.2.2015 |

Porträt: Der neue Chef des Technologie Campus Cham, Prof. Dr. Wolfgang Aumer, kommt aus Rettenbach und betreut dort elf Kühe.

In Wolkenkuckucksheim leben die, die keinen Boden unter den Füßen fühlen, die vom Alltag abgehoben ihre Kreise um sich selbst drehen. Auf Neudeutsch heißen solche Typen Nerds - und Professor Dr. Wolfgang Aumer könnte so einer sein.

Denn gemessen an der Zeit vom Schulende, seiner Ausbildung und seines Studiums mit Promotion bis zum Amtsantritt als jüngster Chef des Technologie Campus in Cham dürfte der Rettenbacher wenig Zeit für anderes gehabt haben als für Elektrotechnik. Die müsste Kopf und Leben bis heute bestimmen, ohne Raum für anderes.

Doch weit gefehlt. Der 41 Jährige hat für vieles Platz im Kopf - von der Geschichte Dresdens und Sachsens über die deutsch-deutsche Historie jüngeren Datums bis zu seinen Tieren. Das sind bestimmende Themen im Gespräch. Elektrotechnik ist aber mehr als nur ein Randaspekt. Die Spitze des Ganzen ist, dass Aumer noch täglich im Stall in Rettenbach nach dem Rechten schaut.

Den Landwirtschaftsbetrieb, den er von den Eltern übrnommen hat, führt er als Betriebsleiter weiter. Warum das? Ein zweites Standbein? Nein, sagt er. Landwirt zu sein, sei ein toller Augleich zur Uni. Wohl kein anderer Job erde Menschen so sehr wie die Landwirtschaft. Diese Bodenständigkeit bringt ihn übers Jahr auf den Bulldog, um zu säen und zu ernten. Das macht er alles selbst? "Was denken Sie?", sagt er, lacht und hält seine Hände hoch - die von handwerklichem Geschick zeugen. Professor Dr. Aumer ist nicht nur ein Theoretiker, sondern ein Praktiker.

Was ist wichtiger als der Titel

Auch das hat er aus der Landwirtschaft mitgenommen. Und es war Voraussetzung, um zurückzukehren. Vorlesungen vor Studenten machen ihm Spaß, doch ohne die Aussicht auf Forschungsprojekte mit der Wirtschaft wäre er nicht gekommen. Das sei ihm wichtiger als der Professoren Titel, den er trägt, aber nie anstrebte, betonte er.

Wichtig sind ihm auch die elf Milchkühe, die er zu Hause versorgt. Gerade erst hat der Oberpfälzer Bauernpräsident Josef Wutz mehr Anerkennung für die Landwirtschaft gefordert - bei Professor Wolfgang Aumer muss er darum nicht betteln: "Ich bewundere jeden, der das macht!" Er habe auch überlegt, Anfang der 90-er Jahre, ob er in die Landwirtschaft gehen solle. Geschickt im Umgang mit dem Vieh war er wohl: "Als Achtjähriger habe ich eine Kuh namens Dame so dressiert, dass sie das linke Vorderbein gehoben hat, wenn ich Fuß sagte."

Seine aktuelle Lieblingskuh im Stall, die Hopl, sei nicht irgendeine, schwärmt er. Sie ist eine der ältesten Kühe Bayern mit über 137 000 Kilogramm Milch und am 8. August 2003 zur Welt gekommen. Gegen die Landwirtschaft sprach die Unsicherheit - bis heute sei es schwer, hier zu kalkulieren, meint Aumer.

Er ist in einfachen Verhältnissen mit drei Geschwistern aufgewachsen. Vermisst habe man nichts. "Die Eltern sagten uns, geht raus in die Welt und schaut euch um! Sie haben uns immer unterstützt!" Alle vier jungen Aumers - ein Mädel und drei Buben - nutzten den Anschub, machen bis heute ihren Weg. Und die Eltern gaben ihnen Wichtiges mit, wie etwa, dass Jammern nicht lohnt. Und den Glauben - der sonntägliche Kirchgang ist für Aumer ein Bedürfnis, kein Ritual. Selbst in Dresden, wo nur vier Prozent katholisch sind, war das nicht anders.  Aumer arbeitete dort an der Uni am Lehrstuhl für Agrarsystemtechnik.

"Ich hatte eine schöne Kindheit", resümiert er. "Ich lerne viel, bin wissbegierig und habe viel Durchhaltevermögen", begründet er seinen rasanten Aufstieg. Und überall hat er Menschen zurückgelassen, mit denen er bis heute Kontakt hat - ob bei Siemens, an der TU München oder in Dresden.

Liebe zu Dresden entwickelt

Wobei das Kapitel Dresden, das 2006 begann ein spezielles ist. Er hat sich in Stadt und Menschen verguckt - trotz aller Vorurteile, die ihn begleiten, und trotz Pegida. Er hat dem Dresdener Gefühl und der DDR Geschichte nachgespürt. In Roding kann er sich noch an die Wende erinnern, wo damalige DDR Bürger als Flüchtlinge im Hilfskrankenhaus unter dem Realschulsportplatz registriert wurden.

In Dresden ist er sogar extra in die "Platte" gezogen, in die "Prager Zeile" - 210 Meter lang, zwölf Stockwerke, 567 Wohnungen. "Ich wollte mit den Menschen ins Gespräch kommen", um zu entdecken, wie sie ticken. Er beschreibt die Dresdner als weltoffen und tolerant, geschädigt durch die ersten Westkontakte in den Jahren nach der Wende und aufgehetzt durch üble Parolen. Er habe sogar für Gäste den Stadtführer gemacht: "In Regensburg brauche ich ein Navi, in Dresden nicht." Auch war er als Debütant beim Dresnder Semperopernball mit dabei. Er habe der Zeit dort viel zu verdanken und wolle sie nicht missen. Der Abschied fiel schwer.

Doch irgenwann - "so wie bei Adam und Eva" - stelle sich die Frage, wie es weitergeht. Und so habe er Ausschau gehalten nach Neuem - und sei nun in der alten Heimat gelandet.

Quelle: Bayerwald Echo